«Je mehr Praxiswissen und berufliche Erfahrung politische Entscheidungsprozesse mitprägen, umso erfolgreicher werden Projekte schliesslich in der Realität umgesetzt»

Peter Schafer

Peter Schafer ist Lokführer im Personenverkehr bei der SBB, Stadtrat und ehemaliger Kantonsrat SO. Im Interview nennt er Möglichkeiten, wie Unternehmen ihre Mitarbeitenden bei der Ausübung eines Milizamtes sinnvoll unterstützen können und welche Bedeutung flexiblen Arbeitszeitmodellen und Schichtbetrieben zukommt.

Interview: Nicole Wiedemeier und Adrian Michel, Economiesuisse

Herr Schafer, die SBB unterstützt Mitarbeitende, die neben dem Beruf ein öffentliches Amt innehaben. Welche Möglichkeiten werden geboten?
Politisch engagierte Mitarbeitende erhalten pro Jahr – neben dem allgemein gültigen Ferienanspruch – zusätzlich bis zu 15 bezahlte Urlaubstage. Das wird im Gesamtarbeitsvertrag festgehalten, den die SBB mit den Gewerkschaften ausgehandelt hat. Daneben organisiert die SBB regelmässig Treffen (Politdialoge), an denen Mitarbeitende mit bedeutenden öffentlichen Ämtern und ausgewählte Vertreterinnen und Vertreter der SBB teilnehmen können. Diese Politdialoge garantieren einen guten Austausch zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmenden. Dadurch wird sichergestellt, dass den aktuellen Bedürfnissen und Interessen von politisch aktiven Mitarbeitenden stets angemessen Rechnung getragen wird. In meinem persönlichen Fall ist es aber insbesondere wichtig, dass ich meine Tätigkeit als Lokomotivführer in einer Teilzeitanstellung ausüben kann. Ein zeitaufwändiges Exekutivamt – wie beispielsweise ein Mandat im Oltner Stadtrat – setzt voraus, dass jemand in seinem Hauptberuf sehr flexibel ist. Nur so können Personen, die einer Anstellung nachgehen, überhaupt für solche Ämter kandidieren.

Wie gestalten sich diese Politdialoge?
Diese Politdialoge gestalten sich unterschiedlich. Zum einen gibt es regionale Treffen, zum Beispiel nur mit Teilnehmenden der Nordwest-Schweiz, und zum anderen finden auch gesamtschweizerische Anlässe mit Übersetzung in allen Landesprachen statt. Interessant sind Präsentationen oder Besuche einzelner SBB-Dienststellen, wie zum Beispiel des Betriebszentrums Olten. Nachher folgen allgemeine Informationen im Plenum, bei welchen direkt Fragen an die Vortragenden gestellt werden können. Workshops sind eher die Ausnahme, durchgeführt wurden auch schon «Kioskstationen» an welchen Cargo, Infra, Immobilien und Personenverkehr je getrennt über ihre Belange informierten.

Welcher Nutzen ergibt sich aus dem Milizsystem für die Stadt Olten?
Im Stadtrat ist es von Vorteil, wenn Personen mit ganz verschiedenen beruflichen Hintergründen vertreten sind, da so auch unterschiedliche Optiken in anstehende Projekte einfliessen. Je mehr Praxiswissen und berufliche Erfahrung politische Entscheidungsprozesse mitprägen, umso erfolgreicher werden Projekte schliesslich in der Realität umgesetzt.

Sie arbeiten im Schichtbetrieb. Wie schaffen Sie es, allen Anforderungen im Beruf, in der Politik und in der Familie gerecht zu werden?
Im Prinzip übe ich verschiedene Funktionen in einer Sieben-Tage-Woche aus. Wenn ich unter der Woche an vielen parlamentarischen Sitzungen teilnehmen muss, arbeite ich tendenziell eher am Wochenende für die SBB. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass sich Lücken im Tagesablauf ergeben. Diese nutze ich bewusst für anderes. Sehr gerne fahre ich mit meinem Rennvelo zwei bis drei Mal pro Woche eine lockere Trainingsrunde, koche etwas, kümmere mich um den Garten, lese ein Buch oder gebe «etwas Strom auf die Schienen» meiner Modelleisenbahn. Ich habe das Glück, dass mir meine Partnerin grosses Verständnis für meine verschiedenen Tätigkeiten entgegenbringt. Zudem sind meine Kinder bereits erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Das erleichtert vieles.

Aufgrund Ihres öffentlichen Amtes sind Sie zeitlich weniger flexibel als Ihre Teamkolleginnen und Teamkollegen bei der SBB. Inwiefern sind Sie bei der Bewältigung Ihres Alltages auf deren Unterstützung angewiesen?
Worauf ich zwingend angewiesen bin, ist das Verständnis meines Lokpersonaleinteilers, da er auf meine speziellen Arbeitswünsche eingehen muss. So bin ich beispielsweise dankbar, wenn ich tendenziell eher die Spätschichten zugeteilt bekomme. Beim derzeitigen Personalmangel ist aber jede Tour, die ich zusätzlich fahren kann, bei der SBB sehr willkommen.

Wo gibt es Ihrer Meinung nach Verbesserungspotenzial bei der Umsetzung des Milizprinzips?
Ich höre von immer mehr Personen aus unterschiedlichen politischen Kreisen, dass die berufliche Belastung ein politisches Amt nicht mehr zulasse. Das schweizerische Milizsystem hat aber nur eine Zukunft, wenn entsprechende Teilzeitarbeitsmöglichkeiten und flexible Arbeitseinsätze von den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern geduldet und bewilligt werden. Sonst können bald nur noch Selbstständige und Verbandsfunktionäre aufwändigere Ämter übernehmen – oder das politische System wird vollkommen professionalisiert, mit den entsprechenden Kosten und Wirkungen.

Über die SBB AG

Die SBB AG ist nicht nur die grösste Reise- und Transportfirma der Schweiz, sondern gehört auch zu den grössten Arbeitgebern. Knapp 33‘000 Mitarbeitende sorgen rund um die Uhr für einen sicheren sowie pünktlichen Bahnbetrieb. In keinem anderen Land der Welt wird mehr Bahn gefahren als in der Schweiz. 430,4 Millionen Fahrgäste und 53,1 Millionen Nettotonnen Güter sind jedes Jahr auf einem Streckennetz von 3173 Kilometern Länge mit der SBB unterwegs.

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