Ein Projekt des Schweizerischen Gemeindeverbands.
Un projet de l’Association des Communes Suisses.
Un progetto dell’Associazione dei Comuni Svizzeri.

Engagiert mit wenigen Klicks – Zivilgesellschaftliche Partizipation durch digitale Lösungen?

19.12.2019

Lukas Streit, Five up Community AG

Gesellschaftliche Veränderungen stellen die zivilgesellschaftliche Partizipation vor Herausforderungen. Die Digitalisierung bietet dabei Möglichkeiten, sich diesen Veränderungen anzupassen und Partizipation zu fördern – wenn sie sinnvoll genutzt wird. Ein Erfahrungsbericht.


Die Schweiz ist ein Land der Freiwilligen. In beinahe allen Gesellschaftsbereichen übernehmen Personen auf freiwilliger Basis wichtige Aufgaben – als Unterstützung beim Einkauf der betagten Nachbarin, in Sportvereinen bei der Organisation von Wettkämpfen oder auf kommunaler Ebene in Form eines politischen Amtes. 

Viele dieser Bereiche sehen sich heutzutage durch gesellschaftliche Veränderungen mit gros-sen Herausforderungen konfrontiert. Der Alltag ist durch eine zunehmende Schnelllebigkeit und Flexibilität gekennzeichnet – in der Freizeit, in der beruflichen Laufbahn oder in der Gestaltung der individuellen Zukunft. Diese Veränderungen beeinflussen auch die Art und Weise, wie wir uns in unserer Gesellschaft einbringen. Während vor 20 Jahren der Vereinskassier beinahe auf Lebzeiten für sein Amt gewählt war, ist seine Stelle heute immer schwieriger zu besetzen. Für politische Ämter finden viele Gemeinden immer weniger KandidatInnen, die bereit sind, sich für die nächsten Jahre aktiv am politischen Geschehen zu beteiligen. Soll die zivilgesellschaftliche Partizipation auch in Zukunft aufrechterhalten bleiben, müssen wir die-sen sich verändernden Bedürfnissen mit entsprechenden Partizipationsmöglichkeiten Rechnung tragen. 

Neben strukturellen und inhaltlichen Aspekten entscheiden insbesondere die Zugangsmöglichkeiten darüber, ob sich eine Person freiwillig engagiert oder nicht. Will sich heute jemand einbringen, zeigt sich häufig ein unübersichtliches, stark fragmentiertes Angebot an Partizipationsmöglichkeiten. Für Freiwillige stellt sich damit die Frage: Wo wird meine Unterstützung gebraucht? Die Digitalisierung bietet in dieser Hinsicht vielseitige Chancen, um die Partizipation der Bevölkerung nachhaltig zu fördern: durch einen niederschwelligen Zugang, Angebotsbündelung auf einer Plattform, spontanere Einsatzmöglichkeiten und einen verstärkten Aus-tausch zwischen den involvierten Akteuren.

Von den heutigen Bedürfnissen einer engagierten Person ausgehend und mit digitalen Möglichkeiten im Blickfeld haben wir vor einem Jahr das Projekt «Five up» lanciert. Engagierte Personen sollen mit der App «Five up» einfacher Zugang zu Engagements in unterschiedlichen Themenfelder finden, ihre eigenen Aktivitäten besser im Blick behalten und sich spon-taner beteiligen können. Aus einer technischen Sicht zeichnete sich dabei rasch eine klare Struktur ab. Gleichzeitig wurde aber deutlich, dass je nach Einsatzgebiet und den vorhande-nen Prozessen unterschiedliche Anforderungen von Seiten der Nutzer vorliegen. Diese Bedürfnisse und Probleme abzuholen, zu priorisieren und in eine passende technische Lösung umzuwandeln zeigte sich dabei als Schlüssel zum Erfolg des Projektes.

So entwickelte sich «Five up» – im Kern gedacht als einfaches Werkzeug zur Organisation von freiwilligen HelferInnen – rasch selber zu einem partizipativen Projekt, bei dem von Beginn weg interessierte Personen ihre Bedürfnisse einbringen konnten. In agiler Vorgehensweise wurden in mehrwöchigen ‘Sprints’ immer wieder die wichtigsten Bedürfnisse erfasst, technisch umgesetzt und danach direkt von den künftigen Nutzern auf ihre Alltagstauglichkeit in unterschiedlichsten Anwendungsbereichen geprüft. 
In der Entwicklung von «Five up» wurde deutlich, dass sich viele Personen bei der Entwicklung zukunftsgerichteter, digitaler Lösungen beteiligen wollen – sofern man ihnen entsprechende Möglichkeiten bietet. Während einige Personen die App direkt physisch vor Ort mit uns ausgetestet haben, nutzten viele die Möglichkeit, sich zuhause durch die Funktionen durchzuklicken und sich auf digitalem Weg einzubringen. Gerade dann, wenn sie dafür Zeit fanden. Auf diese Weise entstand noch vor der offiziellen Lancierung eine Community von über 200 Personen, die sich aktiv am Entstehungsprozess von «Five up» beteiligte. Und mit dieser Community konnte ein digitales Produkt entwickelt werden, bei dem mit wenigen Schritten ein Bedarf und Unterstützung gefunden werden kann. 

Bereits früh im Entstehungsprozess stiess «Five up» insbesondere auch im Umfeld von Gemeinden und Städten auf Interesse. Die eigene Bevölkerung zu lokalen Engagements zu motivieren und alle Bevölkerungsgruppen abzuholen, ist heute nicht immer einfach – zu klein oftmals der Bezug der Personen zu lokalen Organisationen oder zu gross die Angst vor einem hohen Zeitaufwand. Mit diesen Problemen konfrontiert, schlossen sich unter anderem die Nachbarschaftshilfe Zürich und das Projekt Nachbarschaft Bern als Netzwerkpartner an, um die Plattform auch für kommunale Organisationen sinnvoll nutzbar zu machen. Insbesondere im Bereich von Nachbarschaftshilfen aber auch im Altersbereich mit Alterszentren zeigten sich mögliche Einsatzgebiete. Die Erfahrungen aus den ersten Einsätzen machten dabei deutlich, dass «Five up» für gewisse einfache Bereiche bereits jetzt einen Mehrwert bieten kann, insbesondere bei kurzfristigen, punktuellen Einsätzen. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass für einen ganzheitlichen Einsatz konstante Weiterentwicklungen notwendig sind. Sobald beispielsweise ein Alterszentrum eine grössere Anzahl Freiwilliger organisieren möchte, ist eine Organisationen über einen Web-Zugang unabdingbar. Gleichzeitig bedarf es auch in der App einer intuitiveren Nutzerführung, um die Freiwilligen noch einfacher zu ihren Eins-ätzen zu bringen. Im Hinblick auf diese Bedürfnisse wird aktuell der Ausbau von «Five up» geplant.

Die Lancierung von «Five up» zeigte jedoch auch, dass nicht alleine nur die technische Umsetzung der Bedürfnisse über den Nutzen einer digitalen Lösung entscheidet. Ein einfacher digitaler Zugang zu unterschiedlichen Partizipationsmöglichkeiten erfordert auch ein Umdenken in der Art und Weise wie diese gefördert werden. So müssen auch Gemeinden erst für sich herausfinden, wie sie digitale Tools in ihren Strukturen gewinnbringend einsetzen können. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die gesellschaftliche Partizipation dann funktioniert, wenn bereichsübergreifend gedacht und vorausgeblickt wird. Die Digitalisierung bietet die Chance, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Synergien zu nutzen. Im Falle von «Five up» hiess dies, dass nicht isoliert aus der Perspektive einer einzelnen Organisation gedacht, sondern die Herausforderungen und Lösungsansätze unterschiedlicher Akteure einbezogen wurden - von nationalen Organisationen wie dem Schweizerischen Roten Kreuz oder Pro Juventute bis hin zu lokalen Nachbarschaftshilfen, Vereinen und Behörden. Die Digitalisierung kann damit eine Chance bieten, den eigenen Horizont zu erweitern und vom gegenseitigen Erfahrungsaustausch zu profitieren.

Die Rückmeldungen von Nutzerinnen und Nutzern wie auch von den Organisationen zeigen, dass der Ansatz von «Five up» ein guter und sinnvoller Weg sein kann, um die Digitalisierung als Chance zu nutzen. Die Plattform scheint in ihrer Stossrichtung die Bedürfnisse engagierter Personen anzusprechen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass die aktuelle Lösung - «nur die App» - noch nicht genügt. «Five up» wird daher auch jetzt laufend weiterentwickelt und wächst langsam von der isolierten App zu einem digitalen Ökosystem, dass den Bedürfnissen der einzelnen Akteure gerecht werden soll - dank partizipativer Beteiligung mit wenigen Klicks. 

Trotz aller Chancen der Digitalisierung muss letztlich aber auch bedacht werden: Die Partizipation basiert immer noch auf der intrinsischen Motivation jedes Einzelnen. Diese Motivation gilt es abzuholen, und dabei kann eine nutzerfreundliche «User-Journey» (Nutzererlebnis) über ein digitales Hilfsmittel unterstützend und fördernd wirken. 

Beitrag von Lukas Streit, Projektkoordination Marketing & Kommunikation, Five up Community AG

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