Schweizerischer Gemeindeverband
Association des Communes Suisses
Associazione dei Comuni Svizzeri
Associaziun da las Vischnancas Svizras
Gemeinsam für starke Gemeinden
 
 
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Wie sollte das gehen, aus Ungarn und ohne Mundart?

Die gebürtige Ungarin Györgyi Schaeffer hätte nie damit gerechnet, Gemeinderätin zu werden. Seit vergangenem Sommer ist sie in Mellingen im Amt. Sie schätzt den Kontakt zu den Menschen, die Arbeit auf ein höheres Ziel hin, den Dienst am Gemeinwohl und das Schöpferische. Bild: Lukas Huber
Die gebürtige Ungarin Györgyi Schaeffer hätte nie damit gerechnet, Gemeinderätin zu werden. Seit vergangenem Sommer ist sie in Mellingen im Amt. Sie schätzt den Kontakt zu den Menschen, die Arbeit auf ein höheres Ziel hin, den Dienst am Gemeinwohl und das Schöpferische. Bild: Lukas Huber

Györgyi Schaeffer wuchs hinter dem Eisernen Vorhang auf. Heute ist die gebürtige Ungarin Gemeinderätin in Mellingen – und findet grossen Gefallen an ihrem Amt. Dass sie überhaupt kandidierte, ist der Hartnäckigkeit ihrer Unterstützer zu verdanken. «Nie im Leben», sagt Györgyi Schaeffer mit festem Blick. «Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, für den Gemeinderat zu kandidieren.» Und als sie dann doch kandidierte, weil man sie ermutigt, bestärkt, ja beschworen hatte, da hätte sie nie damit gerechnet, tatsächlich gewählt zu werden. Sie, die gebürtige Ungarin, der man die osteuropäische Herkunft in jedem Satz anhört. Allein das würde alle Wahlchancen zunichtemachen, dachte sie – und irrte.
Györgyi Schaeffer – die Aussprache ihres Vornamens schreibt sich am ehesten «Gjörgi» – stammt aus Szombathely in Ungarn. Die österreichische Grenze liegt keine rund zehn Kilometer entfernt. Dennoch endete für sie hier einst die Welt. Wäre der Eiserne Vorhang eine Mauer aus Stein und Mörtel gewesen, Györgyi Schaeffer wäre in Sichtweite zu ihm aufgewachsen. Die staatlichen Restriktionen, der Mangel an Freiheit und die stete Überwachung, all das bestimmte ihr Leben.

«Ich musste das einfach tun»
Als der Vorhang 1989 fiel, lebte ihr Vater bereits in Zürich, wo er an der ETH doktorierte. Als er sie ermunterte, ihm zu folgen, um in der Schweiz zu studieren, konnte sie ihr Glück erst gar nicht glauben. Mit einem Schlag tat sich ihr die ganze Welt auf, die ihr ein Leben lang als Schimäre erschienen war. «Für eine Ungarin war das eine unvorstellbare Möglichkeit. Ich musste das einfach tun», erinnert sie sich. So kam sie 1993 in die Schweiz. Doch es dauerte, bis sie sich an die neue Freiheit gewöhnt hatte: «Nach einem ganzen Leben in diesem System, in dem man so eingesperrt ist, braucht man einen Moment, um wirklich zu glauben, dass das echt ist. Die Angst sass nicht nur im Kopf; sie sass tief drin im Knochenmark.»

Grundstein für eine «gesunde Seele»
Györgyi Schaeffer studierte Betriebsökonomie an der Universität Zürich, arbeitete anschliessend für einen internationalen Konzern und später als Marketinganalystin für ein Telekommunikationsunternehmen. Erst wohnte sie in Zürich und Baden, in Fribourg und Schöfflisdorf. Sie heiratete, es kamen zwei Kinder, die heute zehn- und zwölfjährig sind. Und die Erkenntnis, dass Familie und der eingeschlagene berufliche Weg nicht unter einen Hut zu bringen waren. «Jedenfalls nicht so, dass ich dabei glücklich geworden wäre», sagt sie.
Sie fragte sich, was wirklich wichtig sei im Leben und kam zum Schluss, dass es nicht jene 120 Prozent sein konnten, die ihr der Job abverlangte, sondern die Familie. Und weil Teilzeitstellen für Betriebs­ökonomen praktisch inexistent waren und sind, machte sie sich mit einer kleinen Einfraufirma selbstständig. So legte sie den «Grundstein für eine gesunde Seele», wie sie es nennt. Heute, mit 49, ist sie selbstständige Raumgestalterin, daneben betreibt sie einen Vertrieb für Babymützen.

Die Herkunft ist kein Hindernis
Dann kam das Jahr 2019, und in Mellingen stand die Ersatzwahl für Giovanna Suter, einzige Frau im Gemeinderat, an. Mellingen, mittelalterliche Altstadt, 5700 Einwohner, 1200 Schulkinder, 700 Jahre Stadtrecht – und auf der Strasse, strahlt Schaeffer, grüsse man sich. In diesem Mellingen drohte der Gemeinderat zu einem rein männlichen Gremium zu werden. Darum machte sich ein kleines Grüppchen auf, eine geeignete Kandidatin zu finden. Wie viele Damen sie angesprochen haben, weiss Györgyi Schaeffer nicht. Sie jedenfalls war jene, die zugesagt hat. Nicht ohne zu zaudern und zu zögern. Wie sollte das denn gehen – ohne Mundart?
Doch die Bestärkungen ihrer Befürworter wurden immer lauter. Besonders ältere Einwohner hätten sie ermuntert, und nie war da ein Wort der Ablehnung, nie auch nur die Stimme eines Bedenkenträgers, ihre Herkunft könnte ein Killerkriterium sein. So erwuchs in ihr allmählich ein Glaube, der erst zu Motivation, dann zu Überzeugung und schliesslich zu Zuversicht wurde. Zuversicht, dass nicht nur sie einen rein männlichen Gemeinderat als inakzeptabel empfand und ihre Wahlchancen gerade darum gar nicht so schlecht waren. Trotz ihres Akzents und der Tatsache, dass sie eine Zugezogene ist, mit Wurzeln weit weg und ohne Draht zum harten Kern Mellingens. «Doch vielleicht», sagt sie, «war genau das mein Vorteil.»

Keine Zeit für grosse Wahlfeiern
Dennoch glaubte sie am Tag der Wahl nicht an einen Erfolg. Doch sie erzielte bereits im ersten Wahlgang die meisten Stimmen. Und am 30. Juni vergangenen Jahres wurde sie schliesslich gewählt – mit einem Vorsprung von über 200 Stimmen vor ihrem Gegner von der FDP. Sie, die erst seit acht Jahren hier lebt. Schweizerin übrigens ist sie seit 2004.
Schaeffer, parteilos, traute ihren Augen nicht, als sie die Zahlen sah. Sie hatte recht behalten: Mellingen wollte eine Frau im Gemeinderat. Und Mellingen wollte jemanden mit dem Blick von aus­sen, «jemanden, der nicht jeden Stein kennt», wie sie sagt. So gereichte ihr das Fremde sogar zum Vorteil.
Zeit, sich über Wahlsieg sowohl zu wundern als auch zu freuen, hatte Schaeffer aber nicht. Bereits am Tag nach der Wahl wurde die Frischgewählte zu ihrer ersten Gemeinderatssitzung erwartet. «Ich war also von einem Tag auf den anderen mittendrin», sagt sie. Erst im Dezember erfolgte die Inpflichtnahme der neugewählten Gemeinderäte in Aarau, ein pragmatischer, aber auch würdevoller Akt, wie sie resümiert.

«Hier kann ich gestalten»
Györgyi Schaeffer ist überzeugt, dass gemischte Teams besser sind. Teams aus Mann und Frau, aus Verwurzelten und Zugezogenen. «Das macht uns stark.» Dieses Team hat sie gut aufgenommen, die Zusammenarbeit lobt sie als konstruktiv und professionell. Und was hält sie vom Amt an sich? Sie schätzt den Kontakt zu den Menschen, die Arbeit auf ein höheres Ziel hin, den Dienst am Gemeinwohl, das Schöpferische. Und sie schätzt die Abwechslung und die vielseitigen Themen. Mit den Ressorts Hochbau, Jugend, Kultur, Museum, Gewerbe, Industrie, Kinderhort, Chronik und Denkmalpflege hat sie so etwas wie das Restposten-Departement geerbt. «Doch gerade hier kann ich viel gestalten.» Und dafür brennt sie.

Text: Lucas Huber

Crashkurs für Neugewählte

Györgyi Schaeffer hat im vergangenen Februar den zweitägigen Crashkurs für neugewählte Gemeinderäte besucht. Anbieter war das IPM, das Institut für Public Management, dessen Aus- und Weiterbildungsangebot eng mit dem Kanton Aargau, den Fachverbänden des aargauischen Gemeindepersonals sowie der Gemeindeammänner-Vereinigung abgestimmt ist.Das Institut organisiert laufend praxisorientierte Kurse und Seminare. Die heis­sen etwa «Einführung Finanzkommission» oder «Meine erste Gemeindeversammlung». Hinzu kommt eine ganze Reihe von CAS-Lehrgängen für Verwaltungsangestellte an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Aktuell hat das IPM etwa auch ein Modulseminar zum Thema «Politische Kommunikation» ausgeschrieben. Die Kurse finden mehrheitlich am Campus der FHNW in Brugg-Windisch statt.