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SCHWEIZER GEMEINDE 10 l 2015

21

SOZIALES

nahmen empfiehlt neben möglichst

niedrigen Hürden für die Akteneinsicht

auch, dass auf Wunsch Kopien erstellt

werden. Wir würden den Mann deshalb

bitten, jene Dokumente zu markieren,

von denen er Kopien möchte. Auch Ak­

ten zu fotografieren, ist erlaubt. – Es gibt

übrigens andere Archive, die Dossiers

integral durchkopieren und die Kopien

verschicken. Aber ich finde die Vorstel­

lung schwierig, dass jemand den Brief­

kasten öffnet und 200 Seiten persönliche

Akten vorfindet, mit denen er danach

allein konfrontiert ist.

Kommt es vor, dass Leute auf das,

was sie in den Akten lesen, ungehalten

reagieren?

ImGegenteil. Zwar steht das Stadtarchiv

für direkt Betroffene schon für jene Be­

hörden, von denen sie wegen ihrer Ge­

schichte oft bis heute kein gutes Bild

haben. Aber meine Erfahrung ist die:

Wenn wir ihnen mitteilen, dass es Akten

gibt; dass sie eingeladen sind, sie bei

uns einzusehen; dass wir sie darin un­

terstützen, zu den Informationen zu

kommen, die sie suchen, dann erleben

wir eine grosse Dankbarkeit.

Eine erstaunliche Reaktion. Je nach-

dem wird man in den Akten ja mit

verletzenden Neuigkeiten konfrontiert.

Ich erkläre es mir so: Bevor eine Person

Akteneinsicht verlangt, macht sie einen

Prozess durch. Man geht persönliche

Akten nicht einfach so anschauen. Da

braucht es einen bewussten Entscheid

und den Mut, sich mit der Vergangenheit

zu konfrontieren. Wer an diesem Punkt

ist, der will es wirklich wissen. Die Leute

bleiben erstaunlich gefasst, wenn sie die

Dokumente gelesen haben: Nichts zu

wissen, scheint schlimmer zu sein als

Wissen. Schwieriger ist es, wenn wir

mitteilen müssen, wir hätten nichts ge­

funden.

Wegen derWut, dass die Akten

vernichtet wurden?

Nein, wegen der enttäuschten Hoffnung.

Zwar sind in vielen Gemeindearchiven

gewisse Akten tatsächlich nicht mehr

vorhanden. Das Gesetz schreibt bloss

vor, Vormundschaftsakten 30 und Für­

sorgeakten 15 Jahre nachAbschluss des

Falls aufzubewahren. Aber in der Stadt

Bern liegen die Fürsorgeakten zwischen

1900 und 1980 vollständig vor. Trotzdem

ist es möglich, dass wir nicht fündig wer­

den, etwa weil eine andere Gemeinde

zuständig war oder weil die leiblichen

Eltern die Fremdplatzierung an den Be­

hörden vorbeiorganisiert und das Kost­

geld selber übernommen haben.

Sie berichten von guten Erfahrungen

mit einer offenen Einsichtspraxis.Trotz-

dem stellt sich die Frage: Kann eine

Gemeinde, die mit einem Einsichtsge-

such konfrontiert wird, Fehler machen

und dafür haftbar gemacht werden?

Das Stadtarchiv Bern besteht auf einem

schriftlichen Gesuch um Dateneinsicht

und einer Kopie der Identitätskarte. Zu­

dem unterschreiben Einsichtsuchende in

der Datenschutzerklärung folgendeAus­

sage: «Der Gesuchstellende erklärt sich

mit den vom Stadtarchiv Bern gemach­

ten Auflagen einverstanden und ver­

pflichtet sich mit der Unterschrift, diese

ohne Einschränkungen umzusetzen. Für

einen allfälligen Schaden, der durchVer­

letzung der genannten Auflagen entste­

hen könnte, haftet der Gesuchstellende

nach Massgabe des kantonalen Daten­

schutzgesetzes.» Diese Absicherung

würde ich jeder Gemeinde empfehlen.

Das sehen andere Gemeinden anders.

Sie lehnen Einsichtsgesuche grund-

sätzlich ab, weil sie sagen, die Daten

seien zu heikel. Nur wenn man nichts

herausgebe, mache man keinen Fehler.

Das Argument kenne ich. Der Daten­

schutz kann aber auch einVorwand sein,

um sich die Arbeit der Recherche zu er­

sparen. Zuerst muss man doch wissen,

welche Akten es gibt, bevor man wissen

kann, inwiefern Datenschutz die Einsicht

einschränkt oder verunmöglicht.

Und in der Bundesverfassung steht:

«Jede Person hat Anspruch auf Schutz

vor Missbrauch ihrer persönlichen

Daten» (Art. 13, Abs. 2).

Ja. Zugang zu den eigenen Akten muss

sowieso jeder Person gewährt werden.

Zudem öffnet das geltende Öffentlich­

keitsprinzip ein Spannungsfeld zwischen

dem Schutz von Daten über Dritte und

dem Bedürfnis unseres Mannes im Bei­

spiel, mehr über seine Herkunft zu erfah­

ren. Darum muss jeder Fall einzeln ge­

prüft werden, keiner ist gleich. Aber ich

bin der Meinung, dass keine Gemeinde­

verwaltung Einsichtsgesuche unter Ver­

weis auf den Datenschutz summarisch

ablehnen darf.

Wer Einsicht in sein Schicksal bekommt,

ist meistens dankbar, so die Historikerin.

Leitfaden Aktensuche

Im Auftrag der Guido Fluri Stiftung

hat Yvonne Pfäffli einen «Leitfaden

Aktensuche» erarbeitet. Der Lepo­

rello beantwortet folgende Fragen:

1. Welche Angaben sind nötig, damit

Akten gesucht werden können?

2. An wen soll man das Gesuch rich­

ten?

3. Wie geht es weiter, wennAkten ge­

funden werden?

4. An wen kann man sich wenden,

falls Schwierigkeiten auftreten?

Ergänzt wird der Leitfaden mit dem

Adressenverzeichnis sämtlicher (kan­

tonaler) Staatsarchive und zwei For­

mularen. Das eine ist eine Checkliste

mit «Angaben für die Aktensuche»,

das zweite ist ein «Formular um Ak­

teneinsicht». Der «Leitfaden Akten­

suche» kann auf Verwaltungen und

in Archiven aufgelegt werden.

frl

Informationen:

www.tinyurl.com/Aktensuche

Yvonne

Pfäffli

Die 36-jährige Histo­

rikerin bearbeitet im

Stadtarchiv Bern die

Gesuche um Akten­

einsicht.

Bilder: S. Anderegg, Berner Zeitung