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SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

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VELOVERKEHR

Was Schweizer Städte

von Holland lernen können

Im Rahmen des Urban Bike Festival in Zürich erläuterte die Verkehrsplanerin

Ineke Spapé, was 40 Jahre Veloförderung in den Niederlanden bewirkt haben.

Und sie nahm auf einer Velofahrt verschiedene Brennpunkte unter die Lupe.

«Gemeinsame Flächen für Velos und

Fussgänger?», wundert sich Ineke Spapé

nach einer Velofahrt durch die Zürcher

Kreise 4 und 5. «Das darf nicht sein!

Velos und Fussgänger sollen sich nicht

den Platz streitig machen müssen.» Die

holländische «Fahrradprofessorin» und

Verkehrsplanerin weilte auf Einladung

von ProVelo Schweiz amUrban Bike Fes­

tival in Zürich.Was sie berichtete, beein­

druckte die knapp 200 Gäste: Niederlän­

dische Städte haben im Schnitt einen

Veloanteil von 27%, in Groningen sind es

61%. JedenTag sind landesweit 1,2 Mil­

lionen Radpendlerinnen und Radpend

ler unterwegs. Um acht Uhr morgens

können mehr Velos als Autos gezählt

werden. ImVergleich dazu:Von den grös­

seren Schweizer Städten kommt Spit­

zenreiterin Basel gerade mal auf 16%

Veloanteil, Zürich kommt nicht über 6%.

Haben die Holländer von Natur aus eine

bessere Beziehung zum Velo als wir

Schweizer? Was braucht es, damit die

Menschen das Velo häufiger nutzen?

Staufonds für Velobahnen

Die fehlenden Steigungen in den Nieder­

landen mögen eine Rolle spielen. Doch

Tatsache ist: Auch dort mussten die

Veloförderer fast bei null anfangen.

Ende der 70erJahre war der Fahrradan­

teil auf denTiefstwert gesunken. Seither

steigt er dank einer konsequenten

Veloförderung wieder an. Eine wichtige

Errungenschaft in Holland sind die Rad­

schnellwege (bei uns besser bekannt als

Velobahnen). Seit 2004 wurden 18 Velo­

bahnen von insgesamt 400 Kilometern

Länge angelegt, 35 weitere sind in Pla­

nung. Finanziert werden sie aus dem

sogenannten Staureduzierungsfonds.

«Sagt den Politikern nie, dass es sich um

ein Radprojekt handelt», lautet der Rat­

schlag von Ineke Spapé an die anwesen­

den Verkehrsplaner, «Radschnellstras­

sen sind bei uns Autoprojekte.» Die

rasante Entwicklung bei denVelobahnen

zeigt exemplarisch, wie konsequent sol­

che Vorhaben in den Niederlanden um­

gesetzt werden, auch wenn Studien und

Erfahrungswerte noch fehlen. Und dies

obwohl der Platz in holländischen Städ­

ten wie bei uns oft beschränkt ist. Das

kann auch mal auf Kosten des motori­

sierten Verkehrs gehen. «Man muss

wählen und entscheiden, was man will.

Wenn man für Velos baut, dann kriegt

man auchVelos», versichert Ineke Spapé.

Wenn nicht sofort, dann zumindest mit­

hilfe von Marketing, das begleitend zu

neuer Infrastruktur nie fehlen darf. Und

die Geschäftsleute und Detailhändler

müssen wissen, dass dieVelofahrenden

zusammen mit den Fussgängern ihre

Hauptkunden sind, wirtschaftlich inter­

essanter als die Autofahrer.

Mehr Velo für mehr Lebensqualität

Welche Eindrücke nimmt Ineke Spapé aus

Zürich mit nach Hause? «Es hat hier noch

immer relativ viel Autoverkehr», stellt sie

fest und ergänzt diplomatisch: «Aber man

kann es wachsen sehen. Ich komme gerne

in fünf Jahren zurück und schaue mir die

Situation wieder an.» Denn das Ziel sei ja

nicht dasVelofahren an und für sich, son­

dern eine angenehme, lebenswerte Stadt

mit glücklichen Menschen.

AnitaWenger

Pro Velo Schweiz

Prix Velostädte 2017/18: Wie gerne fahren die Menschen in

Ihrer Stadt Velo?

Pro Velo Schweiz erfragt seit 2006 imVierjahresrhythmus die Befindlichkeit der

Velofahrenden mit der VelostädteUmfrage. Städte und Gemeinden erhalten so

Rückschlüsse auf die Wirkung ihrer Massnahmen zugunsten des Veloverkehrs.

Die nächste Befragung erfolgt im Herbst 2017. Im Frühjahr 2018 werden die

Velostädte in drei Kategorien erkoren (grosse, mittelgrosse und kleine Städte).

Interessierte Städte und Gemeinden können sich aktiv beteiligen, indem sie

städtespezifische Informationen und Auswertungen bestellen und die Umfrage

über ihre Kanäle bekannt machen. Dabei sind vor allem Online, aber auch Print­

kanäle von Nutzen. Der Prix Velostädte wird unterstützt vom Bundesamt für

Strassen (Astra). Medienpartner sind die «Schweizer Gemeinde» und velojournal.

Informationen:

www.velostaedte.ch/infosfuerstaedte

Auf einer Velofahrt durch die Stadt Zürich nahm Ineke Spapé verschiedene Brennpunkte

in Augenschein.

Bild: Gian Veitl