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SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

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mals habe es Restaurants und Geschäfte

gegeben, in die er als Projurassier kei-

nen Fuss gesetzt hätte. Heute kaufe er

seine Kleider bei einem Proberner, und

das sei völlig normal.

Abstimmungscouverts an das Bundes-

amt für Justiz, Beobachter des Bunds

Ein heikles Thema ist hingegen die

Durchführung einer korrekten Abstim-

mung. So heikel, dass in einer tripartiten

Sitzung mit Bund und den Kantonen

Jura und Bern Vorkehrungen getroffen

wurden, die einmalig sind in der Ge-

schichte der Schweiz: Die Couverts der

brieflich Abstimmenden werden direkt

an das Bundesamt für Justiz geschickt

und erst amAbstimmungssonntag nach

Moutier gebracht, die Verantwortlichen

von Altersheimen werden für den Um-

gang mit den Abstimmungsunterlagen

der Senioren sensibilisiert, und am

18. Juni werden Beobachter des Bundes

die Auszählung überwachen. Befürchtet

wurde auch, dass es «Abstimmungstou-

risten» geben könnte: Leute, die nur pro

forma nach Moutier umziehen, um für

ihre Sache stimmen zu können. Deshalb

stand das Abstimmungsregister unter

besonderer Beobachtung, doch laut

Stadtpräsident Winistoerfer sind keine

Unregelmässigkeiten festgestellt wor-

den.

Bern und Jura werben um Stimmen

Marcel Winistoerfer hat viel zu tun in

diesen Wochen vor der Abstimmung.

Und er wird als Repräsentant von Mou-

tier umworben. Die jurassische Regie-

rung verspricht bei einem Kantonswech-

sel unter anderem: Die Löhne der

Kantonsangestellten werden nicht ge-

senkt, und einTeil der kantonalenVerwal-

tung, 170 Mitarbeitende, wird nach Mou-

tier verlagert. Mit einem Wechsel von

Moutier stiege die jurassische Bevölke-

rung um rund zehn Prozent.

Für den zweisprachigen Kanton Bern

wiederum hiesse der Austritt von Mou-

tier, dass die ohnehin kleine frankofone

Minderheit um fast zehn Prozent

schrumpfen würde. Die Berner Regie-

rung erinnert an die weitgehenden Son-

derrechte des Berner Juras, hebt Leis-

tungen beim Bildungssystem oder in

Form von Finanzspritzen hervor und

spricht die Risiken fürs Spital bei einem

Kantonswechsel an. Das Spital inMoutier

ist in der Tat Thema im Abstimmungs-

kampf. Auch ein externes Gutachten er-

achtet seine Zukunft bei einemWechsel

zum Kanton Jura als ungewiss.

Weitere Abstimmungen bei einem Ja

Trotzdem glaubt Stadtpräsident Winis-

toerfer, dass seine Stadt, die bisher im-

mer projurassisch gestimmt und ge-

wählt hat, das auch diesmal tut. Für ihn

gibt den Ausschlag, «dass wir im Jura

ein viel grösseres politisches Gewicht

hätten und dass ich wenig Gemeinsam-

keiten sehe mit einem Langenthaler

oder Oberländer». Er hofft aus Legitima-

tionsgründen, dass nicht bloss wenige

Stimmen den Ausschlag geben werden.

Bei einem Ja käme auf ihn und die Ge-

meindeverwaltung ein Mehraufwand zu.

«Darum macht sich aber in der Verwal-

tung niemand Sorgen, und ich rechne

nicht mit einem Riesenaufwand aufsei-

ten der Gemeinde. Wir hätten bis etwa

2021 Zeit, den Wechsel über die Bühne

zu bringen.» Bei einem Ja von Moutier

würden drei Monate später auch die um-

liegenden Dörfer Belprahon, Grandval,

Crémines und Sorvilier über einen Kan-

tonswechsel abstimmen, und die beiden

betroffenen Kantone und der Bund

müssten noch ihr Einverständnis geben.

KeinThema für die Jungen

Noch wird aber um jede Stimme der Un-

entschlossenen gekämpft. Bereits ent-

schieden hat sich die junge Frau, die am

Bahnhof von Moutier auf den Zug war-

tet. Die 33-jährige Noémie Schneider will

zum ersten Mal in ihrem Leben an die

Urne gehen. «Auch als Hommage an

meinen Vater, der bei den Béliers ge-

kämpft hat. Oder waren es die San-

gliers?» Dass sie jetzt nicht mehr sicher

weiss, ob die Jurabefürworter nun

Béliers oder Sangliers genannt werden,

ist ihr peinlich, aber unter den Jungen

sei die Jurafrage wirklich kein Thema.

Nichts ändern würde ein Kantonswech-

sel daran, dass sie sich nach Biel orien-

tiert. Auch jetzt nimmt sie den Schnell-

zug nach Biel. In 18 Minuten ist er dort.

In die andere Richtung, nach Delémont,

braucht er 9 Minuten.

Barbara Spycher

Noémie Schneider will zum ersten Mal in ihrem 33-jährigen Leben

an die Urne gehen. IhremVater zuliebe.

Bild: Barbara Spycher

«Es geht um die Rückkehr in den Kanton Jura»: Philippe Monnerat,

militanter Separatist.

Bild: Barbara Spycher

MOUTIER VOR DER ENTSCHEIDUNG