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SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

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MOUTIER VOR DER ENTSCHEIDUNG

den. Einer, der dasWort «Kantonswech-

sel» korrigiert, weil es nicht um einen

Wechsel, sondern um eine «Rückkehr»

gehe. Ihm geht es um die Frage der Zu-

gehörigkeit, und im Kanton Jura fühlt er

sich «zu Hause».

Weit weniger bewegt von dieser Abstim-

mung ist die Frau, die vor einemWohn-

blockWäsche aufhängt. «Das interessiert

mich nicht gross», sagt sie. Geärgert hat

sie hingegen, dass Projurassier an ihrer

Tür klingelten, um sie zu «informieren».

Diese Hausbesuche bei Unentschlosse-

nen sindTeil der Kampagne der Jurabe-

fürworter. Die Frau, die ihren Namen

nicht in der Zeitung lesen will, wird trotz-

dem für den Verbleib beim Kanton Bern

stimmen. Sie ist überzeugt, dass ein

Kantonswechsel sie teurer käme, ange-

fangen bei den Steuern bis hin zu den

Autonummernschildern.

Gutachten zu den Finanzen

Mit dieser Befürchtung ist sie nicht al-

lein. Daran scheint auch das unabhän-

gige Gutachten nichts geändert zu ha-

ben, das im Auftrag der Kantone Bern

und Jura die Auswirkungen eines Kan-

tonswechsels für die Bewohner von

Moutier verglich, etwa was Steuern, So-

zialhilfe, Alterspolitik oder Kinderbetreu-

ung betrifft. Laut demGutachten sind die

Unterschiede insgesamt minim. Für die

Mehrheit der Steuerzahler hätte ein

Wechsel gar geringe Vorteile.

Stadtregierung öffentlich gespalten

Diese Aussage warWind auf die Mühlen

der Separatisten, und dazu gehört auch

der CVP-Stadtpräsident von Moutier,

Marcel Winistoerfer: «Viele glaubten,

dass ein Kantonswechsel höhere Steu-

ern zur Folge hätte, und nun zeigt das

Gutachten gar das Gegenteil. Moutier

würde von einem Kantonswechsel pro-

fitieren.» Mit solchen Aussagen hat die

mehrheitlich projurassische Stadtregie-

rung von Moutier das externe Gutachten

in einem Communiqué eingeordnet. Die

probernische Minderheit in der Regie-

rung kritisierte dieses Fazit in einem zu-

sätzlichen Communiqué als zu einseitig.

«Normalerweise gibt es nur eine Stel-

lungnahme der Exekutive. In diesem

heiklen Dossier bin ich aber sehr darum

bemüht, dass sich alle äussern können»,

sagt Winistoerfer. Er weiss um die Pro-

berner, die das Gefühl hätten, sie dürften

ihre Meinung im separatistisch domi-

nierten Städtchen nicht äussern. Er sage

dann immer: «Sag, dass du Proberner

bist, das ist keine Krankheit!» Und er

lacht herzlich. Wieder ernst meint er:

Auch wenn es diese zwei Pole gebe in

Moutier, so verlaufe die Debatte doch

bisher friedlich und ruhig, und es sei

kein Vergleich mit seiner Jugend. Da-

«In meiner Jugend gab es Restaurants und

Geschäfte, in die ich als Projurassier keinen Fuss

gesetzt hätte. Heute kaufe ich meine Kleider

bei einem Proberner, und das ist völlig normal.»

MarcelWinistoerfer, Stadtpräsident von Moutier (CVP)

Die Jurafrage

Zwar erreichten die Jurassier 1978,

dass sie sich vom deutschsprachig

dominierten Kanton Bern lösen und

einen eigenen Kanton gründen konn-

ten. Doch die drei Bezirke im Südjura

– Moutier, Courtelary und La Neu-

veville – stimmten für den Verbleib

beim Kanton Bern. Seither kämpften

projurassische Kräfte weiter dafür,

dass der Berner Jura sich dem Kanton

Jura anschliesst. In einer erneuten

Abstimmung 2013 hatte sich die Be-

völkerung des Berner Jura mit über

70 Prozent deutlich gegen einen Kan-

tonswechsel ausgesprochen. Einzig

die Gemeinde Moutier hatte für den

Wechsel votiert.

spy

2013 hatte Moutier für einen Kantonswech-

sel des Berner Jura votiert. Jetzt entscheidet

sie für sich selbst.

Bild: Shutterstock