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SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

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INTEGRATION: INTERKULTURELLES DOLMETSCHEN

tig. Es gehe darum, den Antragsstellen-

den die Abläufe, Rechte und Pflichten

sowie mögliche Leistungen und Hilfe-

stellungen zu erklären und damit ein

Fundament für die zukünftige Zusam-

menarbeit zu schaffen. Mithilfe von in-

terkulturell Dolmetschenden könnten die

Sozialarbeitenden die Situation gut er-

fassen, bei Unklarheiten nachfragen und

rechtzeitig klärend eingreifen. In der per-

sönlichen Beratung sei eine barrierefreie

Verständigung insbesondere bei konkre-

ten Fragestellungen und Problemen

wichtig, so zum Beispiel bei Schul- oder

Ausbildungsfragen, bei schwerwiegen-

den gesundheitlichen Problemen oder

bei persönlichen Krisen. Oft brächten die

Klientinnen oder Klienten Familienmit-

glieder, Freunde oder Bekannte als

Übersetzungshilfen mit. Dabei könne es

aber zu Unklarheiten kommen, gibt

Hanna Jörg zu bedenken; sei es, weil

sprachliche Einschränkungen die Ver-

ständigung erschwerten, weil unvoll-

ständig und sehr rudimentär übersetzt

werde oder weil sich die übersetzende

Person anwaltschaftlich und parteiisch

verhält.

Interkulturell Dolmetschende stellen die

Verständigung zwischen Fachperson

und Migrantin oder Migrant auf profes-

sionelle Art und Weise sicher. Sie dol-

metschen beidseitig, vollständig und

sinngenau. Zudem garantieren sie die

Einhaltung der Schweigepflicht und der

Allparteilichkeit. Die Fachpersonen er-

halten eine rollenneutrale Übermittlung

des Gesagten, die Klientinnen und Kli-

enten wiederum können ihre Anliegen

ohne sprachliche Hürden äussern.

Hanna Jörg schätzt dies sehr, denn Kli-

entinnen und Klienten wirkten in ihrer

Muttersprache anders, zum Beispiel leb-

hafter, lauter oder sicherer. Dieser As-

pekt sei für die Interaktion bereichernd

und ermögliche eine differenziertere

Beurteilung der Lage.

InstitutionelleVerankerung und

Finanzierung

In der sozialen Arbeit wurde die Zusam-

menarbeit mit interkulturell Dolmet-

schenden von verschiedener Seite her

immer wieder bekräftigt. So zum Bei-

spiel im Frühling 2016 durch die Konfe-

renz der kantonalen Sozialdirektorinnen

und Sozialdirektoren SODK, die den

Kantonen bei der Zusammenarbeit mit

unbegleiteten minderjährigen Asylsu-

chenden den Einbezug von interkulturell

Dolmetschenden empfiehlt.

1

Bereits im

Jahr 2010 hat der Vorstand der SODK

den kantonalen Sozialdirektorinnen und

Sozialdirektoren die Förderung des in-

terkulturellen Dolmetschens nahege-

legt.

2

Der Kanton Bern hat darauf re-

agiert und geht im kantonalbernischen

Handbuch für die Sozialhilfe

3

unter dem

Stichwort «Übersetzungskosten» aus-

führlich auf die Zusammenarbeit und

Fragen der Finanzierung ein. Familien-

mitglieder und Bekannte sollen nur mit

der «gebotenen Sorgfalt» als Überset-

zungshilfen akzeptiert werden. Die anfal-

lenden Dolmetschkosten werden über

die situationsbedingten Leistungen (SIL)

abgerechnet.

Städte und kleinere Gemeinden mit

unterschiedlichem Bedarf

Der Bedarf an interkulturellerVerdolmet-

schung wird von den Institutionen der

Sozialhilfe und den sozialen Diensten

unterschiedlich eingeschätzt. Dies hat

eine Studie zur Bedeutung des interkul-

turellen Dolmetschens in Institutionen

der interinstitutionellen Zusammenar-

beit gezeigt.

4

Grosse, städtische Sozial-

dienste, wie zum Beispiel Bern oder Zü-

rich, verfügen über eine Klientel mit vie-

lenunterschiedlichenHerkunftssprachen,

der Anteil der fremdsprachigen Gesuch-

stellenden ist entsprechend relativ hoch.

Diese Sozialdienste arbeiten regelmäs-

sig und standardisiert mit interkulturell

Dolmetschenden.

Kleinere und ländlichere Gemeinden

kommen weniger oft mit Klientinnen

und Klienten in Kontakt, die die Amts-

sprache ungenügend beherrschen. Das

interkulturelle Dolmetschen stellt dann

ein Randphänomen dar, das im Be-

rufsalltag kaum Beachtung findet. Unter-

schiedliche Faktoren erleichtern die

Zusammenarbeit mit interkulturell Dol-

metschenden und sorgen dafür, dass die

Dienstleistung des interkulturellen Dol-

metschens nicht vergessen wird. Unter

anderem sind es das Wissen um den

Nutzen des interkulturellen Dolmet-

schens, Kenntnisse über die Dienstleis-

tung und die regionale Vermittlungs-

Dolmetschen ist auch amTelefon möglich

An wen muss ich mich wenden, wenn ich eine interkulturell dolmetschende

Person brauche?

Sie können sich an eine Vermittlungsstelle in Ihrer Region wenden (Liste sämt-

licher Vermittlungsstellen nach Regionen:

www.inter-pret.ch

> Die regionalen

Vermittlungsstellen). Diese vermitteln Ihnen professionelle interkulturell Dolmet-

schende in bis zu 70 Sprachen. Dank dem nationalen Telefondolmetschdienst

(http://0842-442-442.ch

) stehen professionelle interkulturell Dolmetschende rund

um die Uhr für eine schnelle Verständigung zur Verfügung. Er stellt innerhalb

von wenigen Minuten eineVerbindung mit professionellen Dolmetschenden für

die Amtssprachen Deutsch, Französisch und Italienisch und bis zu 50 Dolmetsch-

sprachen her.

Wann eignet sich eine Zusammenarbeit mit interkulturell Dolmetschenden vor

Ort, wann viaTelefon?

Für planbare, umfangreiche Gespräche mit komplexen, möglicherweise emotio-

nalen, allenfalls auch «kulturell» bedeutsamen Inhalten ist die physische Anwe-

senheit von interkulturell Dolmetschenden hilfreich. Das Dolmetschen viaTelefon

eignet sich insbesondere für unvorhergesehene, nicht planbare Einsätze, in Not-

fällen, aber auch für voraussichtlich kurze, einfache Gespräche.

1

Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren SODK (Mai 2016): Empfehlungen der Konferenz der kantonalen Sozi-

aldirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) zu unbegleiteten minderjährigen Kindern und Jugendlichen aus dem Asylbereich

(MNA-Empfehlungen):

http://j.tinyurl.com/lop2y6x.

2

Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren SODK (Juli 2010): Empfehlungen vom 24. Juni 2010 zur Förderung

von interkulturellem Übersetzen und Vermitteln sowie Erläuterungen zu den Empfehlungen:

http://j.tinyurl.com/mcuzq4v.

3

Berner Konferenz für Sozialhilfe, Kinder- und Erwachsenenschutz (BKSE): Handbuch Sozialhilfe, Stichwort «Übersetzungskosten»:

http://j.tinyurl.com/k25caq4.

4

Lena Emch-Fassnacht/INTERPRET (2016): Die Bedeutung des interkulturellen Dolmetschens in den Institutionen der interinstitutionellen

Zusammenarbeit (IIZ): Aktuelle Praxis und Handlungsempfehlungen anhand von 13 Fallbeispielen. Studie zuhanden der nationalen

IIZ-Gremien im Auftrag des Staatssekretariats für Migration (SEM):

www.inter-pret.ch

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