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SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

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INTEGRATION: BERN HILFT MIT

ihr «Zuhause» ergibt, ist das gut, es

muss aber nicht sein. Sowieso bin ich in

dieser Zeit mit den Asylsuchenden so

weit gereift, dass ich nicht mehr das Ge­

fühl habe, von jedem Gesprächspartner

die Geschichte kennen zu müssen. Ergibt

sich ein Gespräch, stelle ich Fragen, ge­

niesse aber auch einfach mal ein unbe­

schwertes Zusammensein mit Freude

undWitz.

Mein erstesTreffen in der Kornhausbib­

liothek war eine Herausforderung. Auf

meine Frage, woher er komme, erzählte

mir ein junger afghanischer Mann, der

in seiner Heimat als Schneider gearbei­

tet hatte, aus welcher Region er stammt,

zu welcher Ethnie er gehört und über

welchen Weg er in die Schweiz gekom­

men ist. Dazu hat er mir jeweils zur

entsprechenden Etappe (Fussmarsch,

Schiff, Lkw und nochmals Fussmarsch)

erläutert, wo wie viele seiner Mitreisen­

den gestorben seien. Er erzählte mir das

mit demselben Ausdruck, wie wir uns

normalerweise über Themen wie das

Wetter unterhalten. Was sagt man zu so

einer Geschichte? Ich habe zugehört, in­

nerlich tief durchgeatmet und anschlies­

send die Frage gestellt, was er denn nun

für Hoffnungen und Ziele habe. Wir ha­

ben die Kurve gekriegt und uns für den

restlichen Nachmittag sehr gut verstan­

den und viel gelacht.

Der Anstand setzt sich durch

Unser Freiwilligenteam ist, was Alter

und Geschlecht anbelangt, bunt ge­

mischt. Die Asylsuchenden geniessen

den Dialog mit den jungen Männern und

Frauen wie auch die Zuwendung und

Unterstützung der «BibliothekGross­

mütter». Komische Situationen zwischen

männlichen Asylsuchenden und weibli­

chen Freiwilligen gab es noch nie. Auch

der Umgang mit den Asyl suchenden

Frauen ist durchwegs positiv. Eine junge

Afghanin besucht dieTreffen sehr regel­

mässig und fühlt sich sichtlich wohl. Ihre

Hausaufgaben und Fragen zur deut­

schen Sprache bringen uns Freiwillige

öfters an unsere Grenzen:Was ist schon

wieder Dativ und was Akkusativ? Und

wie geht das mit den Hauptund Neben­

sätzen? Der Fortschritt dieser 17jährigen

Frau beeindruckt mich immer wieder.

Viele der Asylsuchenden kommen über

einen längeren Zeitraum in die Biblio­

thek und lassen uns so an ihren Entwick­

lungen teilhaben. Einer unserer Asylsu­

chenden spricht mittlerweile so gut

Deutsch, dass er nun entschieden hat,

sich dem Schweizerdeutschen zu wid­

men. Manchmal korrigiert er die Freiwil­

ligen auch charmant und mit Schalk in

ihrer Aussprache. Müsste ich einen Bib­

liotheksclown benennen, wäre das wohl

er.

Mithilfe der Zeitung wird über das aktuelleWeltgeschehen

gesprochen.

Bild:Tamara Angele