Previous Page  57 / 96 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 57 / 96 Next Page
Page Background

SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

57

INTEGRATION: BERN HILFT MIT

Hals hängen. Dieser Prozess ist denAsyl­

suchenden sehr wichtig. Sie sprechen ihr

Gegenüber gerne mit Namen an. In der

Begrüssungsrunde findenAsylsuchende

und Freiwillige in Kleingruppen zusam­

men. Danach sind sie für circa 1,5 Stun­

den Gesprächspartner. Zum Abschluss

treffen wir uns dann nochmals im

Plenum. Jeder darf etwas über seine

zwei Stunden in der Bibliothek erzäh­

len – muss aber nicht.

Den Betonmischer kennen alle

Meistens lassen die Freiwilligen den

Asylsuchenden die Wahl, was in dieser

Zeit in den Räumen der Bibliothek pas­

sieren soll. Die Sprachlevels der Asylsu­

chenden sind sehr unterschiedlich. Mit

einigen Gesprächspartnern schaue ich

Kinderbücher an. Manchmal lesen sie

mir die Bücher vor, manchmal üben wir

einzelne Begriffe. Mehrmals habe ich den

Fehler gemacht, einen Betonmischer als

Lastwagen zu bezeichnen. Diesen Aus­

druck korrigieren alle jungen Männer.

Woher dieses Phänomen kommt, weiss

ich nicht. Fakt ist aber: Bisher kannte je­

der Asylsuchende den Ausdruck «Beton­

mischer» und konnte die Maschine klar

vom Lastwagen unterscheiden.

Mit anderen Gesprächspartnern mache

ich Hausaufgaben. Ein junger Mann af­

ghanischer Abstammung musste vor

Kurzem für einen Kurs das schweizeri­

sche föderalistische System in eigenen

Worten erläutern. Diese Aufgabe führte

in unserer Dreiergruppe zu einer sehr

spannenden Diskussion über die Politik

der Schweiz und Afghanistans. Ich habe

dabei viel gelernt.

Sowieso lerne ich während dieser Stun­

den viel. Oder ich versuche es wenigs­

tens. Jedes Mal, wenn ich mir ein Wort

oder einen Satz in Dari, Farsi, Arabisch

oder Tigrinya beibringen lassen will,

habe ich die Ausdrücke bis zum

Schlussplenum wieder vergessen. In

diesen Momenten bin ich jeweils sehr

beeindruckt vom Engagement und von

der Fähigkeit dieser Menschen, unsere

Sprache zu lernen, die sich so stark von

ihrer eigenen unterscheidet.

Jeder trägt seinen Rucksack

EinigeAsylsuchende erzählen wehmütig

von ihrer Heimat. Andere wollen nicht

darüber sprechen oder erzählen

schlimme Geschichten. Ich habe aufge­

hört, jede Person nach ihrer Geschichte

zu fragen. Wenn sich ein Gespräch über

FortgeschritteneTeilnehmer lösen mit Unter-

stützung der Freiwilligen Hausaufgaben.

Bild: ta

Mithilfe des Bildwörterbuchs wird die

deutsche Sprache geübt.

Bild: ta