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SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

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Deserteuren wie Kidane geschieht, will

er sich gar nicht ausmalen.

Um dieses Verständnis zu vertiefen, re­

feriert Kidane an diesem Morgen viel

über die eritreische Kultur, den unbefris­

teten Militärzwang und das patriarchale

System, das in der gleichberechtigten

Schweiz fast zwangsläufig zu Konflikten

führt. Und er ringt umVerständnis für die

Eritreer. Vor Jahren noch seien sie vor­

wiegend aus den Städten in die Schweiz

gekommen, gebildet, integrationshung­

rig. «Meine Landsleute, die heute nach

Europa kommen, haben Schuljahre ver­

passt und brauchen umso mehr Infor­

mationen darüber, wie die Schweiz funk­

tioniert», erklärt Kidane.

Es sind Einsichten wie diese, die die Kurs­

teilnehmer als besonders wertvoll für

ihre tägliche Arbeit einstufen. Wie Kris­

tine Sprysl vom Sozialdienst der Ge­

meinde Münchenstein BL: Wertvoll sei

es gewesen, wird sie nach dem Seminar

sagen, lehrreich, und ja, es habe ihr

durchaus die Augen geöffnet. Ein Bei­

spiel? «Die Schweizer Gesellschaft er­

wartet, dass man beschämt ist, wenn

man Sozialhilfe bezieht. Ein Eritreer aber

fragt: Was soll ich denn tun? Ich darf ja

nicht arbeiten!» Ausserdem, ergänzt

Kidane, meinten viele, die Sozialhilfe

komme von der UNO.

Sprache ist die grösste Hürde

In einem allgemeinerenTeil schafft Semi­

narleiter Ron Halbright Situationen, in

denen sich die Teilnehmer im Alltag

amSchalter oder imGespräch wiederfin­

den. Aufgebrachte Sozialhilfeempfänger

etwa. Halbright schlägt Handlungsstrate­

gien vor, um verfahrene Situationen ab­

zukühlen.Wichtig sei imBesonderen,Ton

und Ruhe zu bewahren, Anfeindungen

nicht persönlich zu nehmen, nachzufra­

gen, Interesse und Lösungswege zu zei­

gen, auf Belehrungen und Provokationen

zu verzichten, und das alles über die

grösste Hürde, die Sprache, hinweg.

Bei alledem spieltenVorurteile eine wich­

tige Rolle. Oder, wie Ron Halbright es

umschreibt: «Es sind beschriebene CDs

in unseren Köpfen, vollbepackt mit ver­

allgemeinernden Bildern – über Eritreer,

Syrer, Amerikaner – oder Gemeindear­

beiter.Vorurteile prägen unsere Reaktion

– oft unbemerkt. Als Gemeindeange­

stellte kämpfen wir gegen diese Bilder.

Abstellen können wir sie nicht; aber wir

können sie uns bewusst machen.» So

bewusst, wie eine Teilnehmerin konsta­

tierte, die bereits einen anderen Integra­

tionskurs des NCBI besucht hatte: «Der

Kurs vergegenwärtigte mir meine unbe­

wussten Vorurteile im Alltag.»

Gemeindemitarbeitende sind mit Her­

ausforderungen konfrontiert, bisweilen

mit Beleidigungen, mit aufgebrachten,

unsicheren, weinenden Menschen. Wie

damit umgehen? «Man holt sich Unter­

stützung, beschwichtigt, verschiebt al­

lenfalls den Termin, zeigt Anteilnahme

– und hat immer eine KleenexBox pa­

rat», erklärt Halbright. Ganz wichtig sei

ausserdem die Nachbearbeitung schwie­

riger Fälle, sich abzusichern, Supervisi­

onen durchzuführen.

Dazu bietet auch der Kanton Hand. «Die

Gemeinden haben viele Fragen, wir hel­

fen, Antworten zu finden», erklärt Martin

Bürgin vom Fachbereich Integration die

Hintergründe, warum er das NCBI nach

Liestal eingeladen hat. «Die Gemeinden

profitieren, ausserdem stärkt sich da­

durch der Austausch zwischen Gemein­

den und Kanton.»

Ein Mentor für Migranten

Samson Kidane, der Brückenbauer des

NCBI, berät eritreische Familien in admi­

nistrativen, sozialen und finanziellen Be­

langen, fungiert als Mentor und arbeitet

mit besonders schwierigen UMAs, den

unbegleitetenminderjährigenAsylbewer­

bern. Dafür werden Brückenbauer wie er

von Sozialdiensten und Gemeinden en­

gagiert; ihre Arbeit wird hoch geschätzt.

«Man kann nicht mit einer Hand klat­

schen», sagt Samson Kidane schliess­

lich.Was er meint: Migranten benötigen

mehr Austausch mit Schweizern. «Man

muss ihnen die hiesige Kultur beibrin­

gen, die Gleichberechtigung und Schwei­

zer Erziehungsmethoden.» Jeder Flücht­

ling, ergänzt Ron Halbright, brauche

einen Schweizer als Begleitung, um All­

tagsinformationen zu vermitteln. Das

würde viele Probleme lösen und Integ­

ration vorantreiben. «Diesen Kontakt

aber selber herzustellen, ist für Migran­

ten fast unmöglich.»

Lucas Huber

Infos:

www.ncbi.ch

Fachkurse

Umgang mit

Vielfalt und Migration

RÉSUMÉ

Les migrants ont besoin de plus

d’échanges avec les Suisses

Le National Coalition Building Insti­

tute (NCBI) est une association d’uti­

lité publique qui s’engage pour

l’intégration et l’élimination des pré­

jugés, du racisme et de la discrimina­

tion. «Commune Suisse» a participé

au séminaire «Problèmes des migra­

tions et diversité» à Liestal (BL). Invi­

tés par la Direction cantonale de la

sécurité, section Intégration, Ron

Halbright, responsable NCBI et ani­

mateur du séminaire, et Samson

Kidane, Erythréen et scientifique en­

vironnemental chargé de tisser des

ponts au NCBI, forment des em­

ployés communaux suisses. Kidane

parle de la culture érythréenne, de la

conscription illimitée et du système

patriarcal qui mène presque inévita­

blement à des conflits dans une

Suisse qui pratique l’égalité des

droits. Et il lutte pour que soient com­

pris les problèmes des Erythréens. Il

y a des années, ils venaient principa­

lement des villes, éduqués, avides de

s’intégrer. «Mes compatriotes qui

viennent aujourd’hui en Europe ont

manqué des années d’école et ont

d’autant plus besoin d’informations

sur le fonctionnement de la Suisse.»

Les employés de la commune sont

confrontés à des défis – comment les

aborder? «On va chercher de l’aide,

on rassure, on déplace éventuelle­

ment le rendezvous, on fait preuve

de compréhension», explique Hal­

bright. Le suivi des cas difficiles est

également important: il faut vérifier,

effectuer des supervisions. Kidane et

lui sont d’accord: les migrants ont

besoin de plus d’échanges avec les

Suisses. Cela résoudrait bien des

problèmes et ferait avancer l’intégra­

tion.

Samson Kidane: «Man muss Migranten die hiesige Kultur beibringen,

die Gleichberechtigung und Schweizer Erziehungsmethoden.»