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SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

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INTEGRATION: SEMINAR FÜR GEMEINDEANGESTELLTE

Die Brückenbauer aus Übersee

Das National Coalition Building Institute baut dort Brücken, wo Menschen als

fremd oder feindlich eingestuft werden. Ortstermin in einem Seminar in Liestal,

wo Gemeindeangestellte ihr Verständnis für Menschen aus Eritrea schärften.

Amtshausgasse 7 in Liestal: Mitten in

der Altstadt des Baselbieter Hauptorts

schulen ein Amerikaner und ein Eritreer

auf Einladung der kantonalen Sicher­

heitsdirektion, Fachbereich Integration,

Schweizer Gemeindeangestellte. «Um­

gang mit Migration und Vielfalt» nennt

sich das Seminar des National Coalition

Building Institutes, kurz NCBI, eines ge­

meinnützigen Vereins mit Sitz inThalwil

ZH, der sich für Integration und den Ab­

bau vonVorurteilen, Rassismus und Dis­

kriminierung einsetzt.

Das Seminar ist ausgebucht, 25 Teil­

nehmer sitzen im Hufeisen, mittendrin:

Ron Halbright, NCBIGeschäftsführer

und Seminarleiter, und Samson Kidane,

Eritreer, Umweltwissenschaftler und so­

genannter Brückenbauer beim NCBI.

Seine Geschichte ist es an diesem Mitt­

wochvormittag, die die Anwesenden

besonders beeindruckt. Seine Flucht aus

der eritreischenArmee, die Inhaftierung,

die erneute Flucht, raus aus Eritrea, die­

sem Land, das, anstatt Krankenhäuser

und Schulen zu errichten, lieber Gefäng­

nisse baut – und Menschen foltert. Sagt

die UNO.

Kidane überquerte die Grenze in den

Sudan, verbrachte Tage auf der Lade­

fläche eines Pickups quer durch die

Sahara, vorbei an menschlichen Skelet­

ten undmarodierenden Rebellentruppen.

Wurde ausgeraubt, geschlagen, verfolgt,

schaffte es dennoch nach Libyen, wurde

aufgegriffen und vom Polizeichef für

30 Dollar an einen Schlepper verkauft,

der ihn für weitere 200 Dollar weiterver­

kaufte. Erneuter Versuch, diesmal bis

Tripolis, im Schlauchboot über das Mit­

telmeer, den Stiefel hoch bis Mailand,

Ziel: Grossbritannien.

Dann strandete er in Calais, wo man ihm

sagte, er solle es in der Schweiz versu­

chen. So landete Samson Kidane, der ins

grosse London wollte, in AlpnachDorf

OW, wo er seine erste Kuh mit Glocke

sah. Fast zwei Jahre wartete er auf die

BBewilligung, die ihm das Arbeiten und

den ersten echten Deutschkurs erlaubte.

Das war 2008.

Sozialhilfe von der UNO

Um zu verstehen, was im Kopf eines

Flüchtlings vor sich geht, der am Schal­

ter der Gemeindeverwaltung auf und ab

tigert, vielleicht laut wird, vielleicht

weint, muss man genau diese Ge­

schichte kennen, denn so könnte sein

Weg hierher ausgesehen haben: Armut,

allenfalls Krieg, Flucht, Schlepper,

Schlauchboot. Hinzu kommenTraumata,

auch Kidane, das erzählt er ganz offen,

war traumatisiert, schlief kaum, litt – und

weiss: Sein Heimatland kann er nicht

mehr besuchen. Denn was in Eritrea mit

Fördern das gegenseitige Verständnis und den Austausch zwischen den Kulturen: Ron Halbright (l.), NCBI-Geschäftsführer und Seminar-

leiter, und Samson Kidane, Eritreer, Umweltwissenschaftler und sogenannter Brückenbauer beim NCBI.

Bilder: Lucas Huber