Previous Page  44 / 96 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 44 / 96 Next Page
Page Background

SCHWEIZER GEMEINDE 5 l 2017

44

Frau Bundesrätin, angesichts der sin-

kenden Gesuchszahlen macht das

Thema Asyl kaum mehr Schlagzeilen.

Für die Gemeinden bleibt es aber bren-

nend: Sehr viele Flüchtlinge werden

bleiben, weil die Schweiz sie als

schutzbedürftig einstuft.Was sind die

Gründe für diese hohe Schutzquote?

Simonetta Sommaruga:

Wir dürfen nicht

vergessen: Nicht nur die Zahl der Asyl-

gesuche ist zuletzt zurückgegangen.

Auch die Zahl jener, die als Flüchtlinge

oder als vorläufigAufgenommene in der

Schweiz bleiben dürfen, ist seit 2015

rückläufig. Nun zu Ihrer Frage.Wenn die

Schutzquote heute bei 49 Prozent liegt,

hat das im Wesentlichen zwei Gründe:

Erstens gibt es weltweit so viele Flücht-

linge wie seit dem Zweiten Weltkrieg

nicht mehr. Die Kriege in Syrien, im Irak,

und in Afghanistan sowie die Hungers-

nöte in afrikanischen Staaten treiben

Millionen in die Flucht. Zweitens hat die

Schweiz in den letzten Jahren neue Ver-

fahren eingeführt, damit Menschen mit

offensichtlich unbegründeten Asylgesu-

chen gar nicht mehr zu uns kommen.

Gibt es weniger aussichtsloseAsylgesu-

che, steigt der Anteil jener, die bleiben

dürfen, und damit die Schutzquote. Un-

ter dem Strich ist die Schweiz damit für

jene da, die Schutz wirklich brauchen.

Das gehört zu unserer humanitärenTra-

dition.

An welcheVerfahren denken Sie?

Sommaruga:

Die Schweiz hat als erstes

europäisches Land das 48-Stunden-

Verfahren für Asylsuchende aus den

Balkanstaaten eingeführt. Das hat ab-

schreckend gewirkt. Bei anderen Staaten

wenden wir das sogenannte Fast-Track-

Verfahren an, etwa bei Tunesien, mit

dem wir gleichzeitig eine Migrations-

partnerschaft haben. Wir unterstützen

also diese Staaten bei ihren Aufgaben,

sie wiederum kooperieren mit uns für

eine rasche Rückkehr ihrer Bürger. Zu-

«Viele Gemeinden engagieren sich enorm für die Integration. Das ist uns bewusst, und dafür bin ich sehr dankbar.» Simonetta Sommaruga,

hier im Bild am PolitforumThun zumThema Asylwesen.

Bild: Philipp Zinniker, PolitforumThun

«Ich habe grössten Respekt

vor der Arbeit der Gemeinden»

Simonetta Sommaruga spricht im Interview mit der «Schweizer Gemeinde» über

die Chancen der Integration von Flüchtlingen und Vorläufig Aufgenommenen, über

die Gründe für die hohe Schweizer Schutzquote und die Rolle der Gemeinden.